# Fleissige Protestanten und faule Katholiken
Ich habe gewisse Bauern nie verstanden. Besonders erinnere ich mich noch an ein Gespräch mit einem Gemüsebauer, der streng darauf beharrte, dass "Bio"-Landwirtschaft nicht "wirtschaftlich" sei. Ich entgegnete ihm, dass ihn die Wirtschaftlichkeit doch nicht zu interessieren habe, da staatliche Subventionen ohnehin jedweden Abstrich im Gewinn wieder kompensieren würden. Ob dies korrekt ist, sei einmal dahingestellt, es wäre für ihn ohnehin nicht relevant gewesen: Wirtschaftlichkeit ist für ihn nicht erreicht, wenn ihm der Staat unter die Arme greifen muss. Wirtschaftlich ist nur der Betrieb, der sich aus eigener Kraft finanziell über Wasser halten kann.
Ebenso fällt mir ein Fall ein, von dem im November [in der NZZ zu lesen war](https://www.nzz.ch/schweiz/der-gegenschwimmer-warum-der-bauer-marco-tanno-einen-zu-grossen-stall-baut-ld.1910678): Ein Bündner Bauer hält 36 Hektaren Land, die vom Bund als Biodiversitätsflächen eingestuft werden. Dafür, dass der Bauer die Artenvielfalt auf den Flächen erhält, zahlt ihm der Bund jährlich 100'000 Franken aus. Dies liegt deutlich über dem Schweizer Durchschnittslohn und ist für den Bauern wohl mit minimalem Aufwand verbunden. Trotzdem entschied sich der Bauer zu expandieren und dadurch mehr als die Hälfte dieser Flächen einzubüssen, wodurch er entsprechend auch einen wesentlichen Teil seines Anspruchs auf Direktzahlungen verliert. Gegenüber der NZZ meint er: "Ich bin Bauer und will in erster Linie produzieren und wirtschaften."
Woher rührt dieser, man muss es sagen, irrationale Trieb, "wirtschaften" zu müssen? Warum fügen sich die Bauern nicht einfach den ökologischen Verfassungszielen, deren Verfolgung vom Staat reichlich entlöhnt wird? Wohl goutieren viele Bauern den "grünen Wahnsinn" in Bern nicht, doch gibt dies kaum den Ausschlag dafür, riskante Expansionen vorzunehmen, anstatt sich auf Staatskohle auszuruhen. Ein besserer Erklärungsansatz als politische Opposition bietet womöglich eine Geisteshaltung, die dem ähnelt, was Max Weber in *Die protestantische Ethik und der "Geist" des Kapitalismus* "die Berufsidee des asketischen Protestantismus" nannte. Dafür spricht zumindest einmal, dass die beiden obigen Anekdoten von Bauern aus Zürich und der Viamala, also zwei zutiefst reformierten Gebieten, stammen.
Charakteristisches Merkmal des calvinistischen Christentums ist die Prädestinationslehre: Sie stipuliert, dass der Kreis der Auserwählten durch göttliche Vorsehung zum Voraus bestimmt ist. Während gemäss katholischer Lehre jeder Mensch frei zwischen der Liebe zu Gott und der Todsünde, die, wenn nicht bereut, für immer aus dem Reich Gottes ausschliesst, wählen kann, entzieht der Calvinist dem Menschen jede Verfügungsmacht darüber, sich dem Kreise der Auserwählten anzuschliessen bzw. sich dem der Verworfenen zu entziehen. Man könnte meinen, dass der Calvinist sich nun zurücklehnen würde, da er tätig oder untätig ohnehin nichts mehr an seinem Los ändern kann.
Doch wie unerträglich wäre es denn, nicht zu wissen, ob man zu den Gottgeliebten oder den ewig Verworfenen gehört? Wie erlange ich die *certitudo salutis*? Dies war schwer, da gemäss Calvin die Verworfenen grundsätzlich dieselben religiösen Erfahrungen machen können wie die Auserwählten. Die einzige Ausnahme hierzu ist das "finaliter beharrende gläubige Vertrauen", das nur im Auserwählten bestehen könne. Was wäre das aber für ein psychischer Terror, feststellen zu müssen, ob das eigene gläubige Vertrauen "finaliter beharrend" ist, wenn das Verworfensein droht, sollte dies nicht der Fall sein? Die calvinistische Seelsorge brauchte einen objektiven Massstab, mit dem das Auserwähltsein festgestellt werden konnte, und dieser war der erfolgreiche Gelderwerb, "God blesseth thy trade".
Indem zwischen göttlicher Gnade und diesseitigen Glückseligkeiten ein Zusammenhang aufgestellt wurde, ist man zum frühjüdischen, theologisch wohl archaischen Tun-Ergehen-Zusammenhang zurückgekehrt, auf den ich in meinem [[Die Lehre der letzten Dinge|Aufsatz]] aufmerksam machte:
> Die frühjüdische Tradition [ist] diesseitig, indem sie noch vom Tun-Ergehen-Zusammenhang ausgeht: Die Strafen Gottes für Adam, Eva und Kain erfolgen in ihrem leiblich-diesseitigen Leben. Gott straft sofort. Mit der empirisch naheliegenden Erkenntnis, dass eine gerechte Lebensführung keineswegs zu Lebensglück führt, gewinnt das Jenseits, das Reich der Seele, an Bedeutung.
Als Ishmael vor seiner Jagd auf *Moby Dick* im puritanischen New Bedford eine Predigt anhört, geht es natürlich um die Geschichte Jonas und des Walfischs. Jona widersetzt sich Gott, indem er ein Schiff besteigt, das in die entgegengesetzte Richtung fährt, als Gott ihn zu gehen angewiesen hat. Diesen Ungehorsam bestraft Gott umgehend, indem er das Schiff kentern lässt, worauf Jona im Rachen eines Walfischs an den Meeresgrund gezogen wird. Da Jona in den Untiefen des Meeres seine Schandtaten gesteht und die Strafe Gottes für gerecht hält, taucht der Wal wieder auf und spuckt Jona an Land aus. Der Tun-Ergehen-Zusammenhang könnte nicht deutlicher sein. Auch der Pfarrer in New Bedford zieht diesen Schluss:
> But what is the lesson that the book of Jonah teaches? [...] As sinful men, it is a lesson to us all, because it is a story of the sin, hard-heartedness, suddenly awakened fears, the *swift punishment*, repentance, prayers, and finally the deliverance and joy of Jonah. (Hervorhebungen hinzugefügt)
Neben dem starken Legalismus und der Vorstellung eines auserwählten Volkes ist der Tun-Ergehen-Zusammenhang ein weiterer Rückgriff auf das alte Testament, aufgrund deren man dem englischen Puritanismus den Spitznamen "English Hebraism" verlieh.
Es lag auf der Hand, dass das "God blesseth thy trade" seitens Luthertum und seines *sola fide* den Vorwurf der Werkheiligkeit einfahren würde. Wenn dem zwar entgegnet werden konnte, dass es sich bei den Werken, also in diesem Falle dem Gelderwerb, nicht um den Grund, sondern eine blosse Überprüfung des Auserwähltseins handelte, so war dennoch mit Calvin eine neuer, alles andere überragender Bezug zur Arbeit in Erscheinung getreten: Den Vorwurf der Werkheiligkeit haben die Lutheraner schon gegen die Katholiken erhoben, die mit einigen planlosen wohltäterischen Einzelleistungen ihr Seelenheil zu retten suchen. Dies ist aber nichts gegen die calvinistische Auffassung der Berufspflichten, die eine methodische Systematisierung des gesamten Lebens erfordern. Der Calvinist kann nicht anders als in ständiger und strenger, fast zwangsgestörter Selbstkontrolle zu arbeiten und sich hierbei zu überwachen.
Diese "virtuosenhafte Selbstquälerei" (Weber) hatte zuvor nur mittelalterliche Mönche erfasst, die sich im Kloster an die *consilia evangelica* (Armut, Keuschheit und Gehorsam) hielten. Diese Kraft zur Selbstgeisselung übertrugen die Calvinisten nun von jenen ausserweltlichen Pflichten auf die innerweltliche Berufspflicht. Man darf aber keineswegs annehmen, dass an diesem Erwerbsstreben irgendetwas Hedonistisches haftete. Man erwarb Geld nicht, um es auszugeben, sondern bloss zur Kontrolle des eigenen Seelenheils. Dem entsprach ein irrationales Sich-Hingeben an die Berufspflichten, das von jedweden Eigeninteressen abstrahierte, die Berufsarbeit wurde damit zum Selbstzweck.
Und vielleicht ist es diese Arbeit um der Arbeit Willen, die auch meine beiden in reformierten Landen schuftenden Bauern antreibt, auf staatliche Unterstützung zu pfeifen. Ich bin kein Soziologe, aber es wäre doch denkbar, dass solche Überzeugungen über die Arbeit, die man unbedarft "Werte" nennen könnte, weitergegeben werden, selbst wenn deren religiöse Wurzel abstirbt oder schon abgestorben ist. Wurden nicht moralische Überzeugungen, die einmal fest in der christlichen Theologie verankert waren, von ihrem Fundament gelöst und in einzelne juristisch formulierte Axiome, sogenannte Grund- und Menschenrechte, verwandelt?
Der Schweizer Historiker Markus Somm hat in *Warum die Schweiz reich geworden ist* auf den Zusammenhang der Glaubensspaltung und des wirtschaftlichen Aufstiegs der Schweiz hingewiesen. Gerade in Zürich zeigten sich die Auswirkungen der Reformation. Dort gab es einerseits die Zünfte, die das Handwerk streng regelten und so eine Subsistenzwirtschaft aufrecht erhielten. Andererseits wirkte in Zürich eine stark durch Calvin beeinflusste Reformation, deren Arbeitsethik kaum mehr im Geiste des "Unser täglich Brot gib uns heute" stand, sondern vielmehr die paulinischen Worte "Wer nichts arbeitet, soll nichts essen" zu Herzen nahm. Befeuert wurde dieser Paradigmenwechsel durch die protestantischen Locarner Flüchtlinge, die nach der Implementierung des *eius regio cuius religio* in der Eidgenossenschaft im katholischen Tessin nichts mehr zu suchen hatten und wesentlich zum Aufstieg des Verlagswesens in Zürich beitrugen. Bezeichnenderweise endet [eine 1855 geschriebene Geschichte](https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://era-prod11.ethz.ch/download/pdf/21028019.pdf&ved=2ahUKEwjvja7elYuSAxW0hf0HHTS3I5kQFnoECBgQAQ&usg=AOvVaw0jT1RdEd41gC7-0WzOUzws) einer der wichtigsten dieser Familien, der Orellis, mit den Worten: "Möge [...] die *göttliche Vorsehung* auch fürderhin gnädig ob uns walten!"
Es ist kein Wunder, dass die katholischen Regionen der Eidgenossenschaft gegenüber den reformierten wirtschaftlich "rückständig" blieben. Für wen nun das Wachstum des Wohlstands das Mass aller Dinge ist, für den hat sich die "katholische Frage" wohl entschieden. Man muss nicht zwischen den Zeilen lesen, um Somms Abneigung gegenüber der "Ewiggestrigkeit" der Kirche zu verspüren, wenn er etwa das "industrielle" Appenzell Ausserrhoden dem "stockkatholischen" Innerrhoden gegenüberstellt. Nimmt man aber die Perspektive der katholischen Kirche ein, so muss für einen deren Reaktion zumindest nachvollziehbar sein. So hat die Reformation nicht nur in Glaubensfragen die Kirche herausgefordert, sondern mit ihrer Arbeitsethik die gesamte europäische Gesellschaftsordnung infrage gestellt.
Schon Calvin war der Überzeugung, dass ein Volk, wenn es arbeiten soll, arm sein muss. Trifft ein traditionalistischer, d.h. ans tägliche Brot, aber nichts mehr denkender Arbeiter auf einen Kapitalisten, so ist die Ausbeutung des ersteren vorprogrammiert. Der Arbeiter arbeitet immer so viel, bis er genug zum Leben hat. Will der Kapitalist mehr Arbeit aus ihm quetschen, so muss er ihm bloss weniger bezahlen. Dies war das Schicksal vieler Bauern, die in der gesamten Schweiz nach ihrer harten Feldarbeit am Webstuhl sassen und Tuch für reiche, städtische Verleger produzierten. Natürlich gründete die Opposition der Kirche wohl primär in machtpolitischen und nicht solchen klassenkämpferischen Motiven, doch darf man durchaus tiefsinniger werden und die gravierenderen weltanschaulichen Differenzen zwischen katholischer und protestantischer Welt herausstreichen.
In *Römischer Katholizismus und politische Form* hat Carl Schmitt die katholische Kirche als Konterpart zur bloss technischen Welt gesetzt. Er unterschied zwei Arten "juristischer Personen", wobei die katholische Kirche charakteristischer Ausdruck der einen Art, die Aktiengesellschaft derjenige der anderen ist:
> Auch die Kirche ist eine "juristische Person", aber anders als eine Aktiengesellschaft. Diese, das typische Produkt des Zeitalters der Produktion, ist ein Rechnungsmodus, die Kirche aber eine konkrete persönliche Repräsentation konkreter Persönlichkeit. [...] Sie stellt in jedem Augenblick den geschichtlichen Zusammenhang mit der Menschwerdung Christi dar, sie repräsentiert Christus selbst, persönlich, den in geschichtlicher Wirklichkeit Mensch gewordenen Gott. Im Repräsentativen liegt ihre Überlegenheit über ein Zeitalter rein ökonomischen Denkens.
Die Kirche ist Verfechter einer gewissen politischen Idee, nämlich der Vorbereitung der Welt auf die Wiederkunft Christi und der Verhinderung des Antichristen. Sie ist der Katechon. Und diese heilige Aufgabe war Grundlage sämtlicher Brutalitäten, die die Gegenreformatoren verübten. Sie musste angewidert sein vom in den protestantischen Ländern mit theologischer Rückendeckung einbrechenden Kapitalismus. Die kapitalistische Technifizierung der Welt führte eine Partikularisierung des Menschen herbei, die dem gemeinschaftlichen Ethos der Kirche deutlich widersprach.
Der calvinistische Mensch war ganz und gar Individuum. Da von Anfang an feststeht, ob er verworfen oder auserwählt ist, kann ihm niemand helfen: Kein Prediger, keine Kirche, kein Sakrament und nicht einmal Gott. Während der Katholik (sowie der Lutheraner) die verlorene Gottesgnade durch die Beichte wieder erlangen konnte, stand eine solche Möglichkeit dem Calvinisten nicht offen. Dieser hegte ohnehin ein individualistisches Misstrauen gegen andere und hätte wohl ungern etwas Kompromittierendes irgendjemandem mitgeteilt. Der alte Sinn für die Gemeinschaft ist unter Calvin vollkommen abgestorben. Im Katholizismus hat das Gemeinschaftliche hingegen nicht einmal an der Grenze von Diesseits und Jenseits Halt gemacht, wie die "Bitte für uns"-Rufe an die Heiligen aufzeigen. Ich habe mich im Aufsatz [[Die Lehre der letzten Dinge]] mit der Betonung des Gemeinschaftlichen bei Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) befasst:
> So wird klar, dass der Mensch christlich nicht ohne Bezug zu seinen Mitmenschen, nicht ohne die Kirche gedacht werden kann und jede "Befreiung" des Menschen aus seinen diesseitigen und damit mitmenschlichen Bezügen dem Christen zuwider sein muss. Nach seinem Tod schläft der Mensch nicht seelenruhig ein, sondern ist weiterhin geplagt durch das von ihm sündhaft verursachte Leid anderer [...].
Jedenfalls haben wir jetzt das Geschenk. Der Kapitalismus hat sich durchgesetzt und das individualistisch-erwerbsstrebende Leben ist damit von der religiösen Tugend zum äusseren Zwang geworden. Es ist nicht mehr zur Überprüfung des eigenen Seelenheils da, sondern es ist der alternativlose Broterwerb. Seine religiöse Wurzel ist abgestorben. Ebenso gibt es kaum mehr "heroische" Kapitalisten, die ihr Geschäft einzig um des Gelderwerbs Willen betreiben und keinerlei hedonistische Gedanken hegen. So meint Schmitt in *Römischer Katholizismus und politische Form*:
> Der Gelehrte war nur in der Übergangszeit, im Kampf mit der Kirche, repräsentativ, und der Kaufmann nur als puritanischer Individualist eine geistige Grösse. Seitdem die Maschine des modernen Wirtschaftslebens läuft, sind beide immer mehr zu Bedienern der grossen Maschine geworden [...].
Bei dem oben genannten Bauern, der die Streichung staatlicher Subventionen in Kauf nimmt, um seinen Hof zu expandieren, handelt es sich wohl nicht um einen solchen Sklaven der "grossen Maschine". Es besteht kein äusserer Zwang, da ihm die Nichtbewirtschaftung seiner Felder ebenso Geld einbringt. In ihm lebt ein irrationaler Trieb zur Arbeit weiter, selbst wenn er kaum mehr durch eine puritanische Geisteshaltung belebt wird. Man mag umweltpolitische Vorbehalte haben, doch kann man diesen Abglanz der grossen protestantischen Revolution bestaunen.